Natürliche Geburt
 

 

 

Lesen Sie im folgenden einen Artikel aus der Zeitschrift "DAS TIER", Ausgabe März 1983 (Herausgeber: Prof. Dr. Bernhard Grzimek und Heinz Sielmann). Der Verfasser ist der bekannte Hundeforscher Eberhard Trumler. Der Biologe und Schüler des Nobelpreisträgers Konrad Lorenz hat sich eingehend mit der Zucht und dem Verhalten von Wild- und Haushunden beschäftigt und darüber mehrere Bücher geschrieben, unter anderem "Ein Hund wird geboren", Piper-Verlag, München, 1982. Wir unterstützen diesen Artikel in seiner grundsätzlichen Aussage voll und stellen ihn deshalb an dieser Stelle ungekürzt zur Verfügung:

 

So kann ich bei der Geburt helfen


Hundehaltung - aber wie? Nach diesem Motto wollen wir allen Hundehaltern wichtige Tipps geben und schwierige Entscheidungen leichter machen. Eberhard Trumler wird dabei kein heißes Eisen auslassen. Wie die Geburt abläuft - und auch bei Rassehunden ablaufen sollte - schildert er im Folgendem.


Das Gebären ist ein biologischer Vorgang und keine "Krankheit". Auch Schwangerschaft, Geburt und nachgeburtliches Verhalten des Menschen sind für gewöhnlich keine Fälle fürs Krankenhaus.
Dennoch raten sehr viele Ärzte von der so genannten Hausgeburt ab, auch wenn sie durchaus bereit sind, ihre Vorzüge anzuerkennen. Und zwar wohl deswegen, weil Schwierigkeiten vor, während oder nach der Geburt beim Menschen sehr häufig auftreten. Die Ursachen hierfür sind dem Biologen durchaus verständlich. Der Mensch steht seit einigen Jahrtausenden außerhalb jeder natürlichen Auslese; die Errungenschaften der Zivilisation, vor allem der Medizin, haben sie in der Gegenwart völlig beseitigt. Erbliche Schwächen, die aber keineswegs mit Erbkrankheiten gleichgesetzt werden dürfen, können sich unbegrenzt ausbreiten und sogar steigern.

Bei unseren Haustieren ist es ähnlich. Kaum eine Kuh kann noch ohne Mitwirken des Tierarztes gebären. Auch bei Schweinen treten viele Schwierigkeiten auf. Nur bei Schafen und Ziegen sieht es besser aus. das ist einfach zu erklären: Ihr wirtschaftlicher Wert ist viel geringer, darum wurden sie nicht so hochgezüchtet. Außerdem werden sie zumeist von "ärmeren Leuten" gehalten, die sich keinen Tierarzt leisten können. Somit sorgt hier noch die natürliche Auslese für einen gesunden Bestand. Schwächen im Körperbau, die sich bei der Geburt störend auswirken, können nicht weitervererbt werden. Ziegen und Schafe der Bergbauern gebären mit der gleichen Lebenskraft wie ihre wildlebenden Verwandten, wie jedes andere Wildtier.

Wie sieht es nun bei unseren Rassehunden aus? Der an Kummer gewöhnte Tierarzt würde sagen "besorgniserregend", der biologisch denkende Erbkundler dagegen: "verheerend!". Und wer wie ich einige Dutzend Geburten bei Wildhunden miterlebt hat, hält nichts von der Tierliebe jener Menschen, die aus Gewinnsucht und jede Hemmung selbst solche Rassen züchtet, die kaum noch ohne Kaiserschnitt gebären können. Während im vorigen Jahrhundert, als Hunde noch nicht vermarktet wurden, kaum jemals ein Tierarzt zu einer Hundegeburt benötigt wurde, muss man heute jedem, dessen Hündin vor der Erstgeburt steht, empfehlen, sich vorsichtshalber mit dem Tierarzt zu verständigen. Man kann nicht wissen ob es gut gehen wird ...
Viele Hundezüchter pflegen ihren Geschäftssinn mit dem Begriff der Tierliebe zu tarnen. Sie wissen um alle mögliche Formen der Schwer- und Fehlgeburten und bauen entsprechend vor. Da wird zunächst die tragende Hündin mit Sonderfutter gepäppelt und mit allerlei Hausmittelchen oder "noch besser", Arzneien voll gepumpt. Dann wird ein schönes Lager bereitet, das entweder ins warme Zimmer kommt oder vom Heizstrahler durchwärmt wird. Neuerdings bietet eine angeblich ums Wohlbefinden der Hündinnen besorgte Industrie sogar elektrisch beheizte Wurflager an. Die Tierliebe des Menschen kennt eben keine Grenzen, wenn man dabei Geld verdienen kann.
Bei vielen Hunderassen spricht man ganz offen davon, daß sie deswegen so teuer auf den Markt kämen, weil sie so schwierig zu züchten seien. Nur ganz erfahrene Züchter könnten das überhaupt. So kommen diese sogar noch in den Ruf, ganz bedeutende Hundefachleute zu sein. Sie greifen bisweilen auch zur Feder, um ihren Mitmenschen zu zeigen, was man doch alles wissen müsse. Es können daher nicht jedermanns Sache sein, solche Rassen zu züchten, und es gehöre sehr viel Liebe dazu!
Ehrlich gesagt - es gehört manchmal schon wirklich viel Liebe dazu, bei einer Geburt dabeizusein; etwa wenn man von acht Uhr abends bis drei Uhr früh in einer eisigen Winternacht auf das große Ereignis wartet. So manche meiner Hündinnen, die im freien ihr Wurflager - eine einfache Hütte, eine selbstgegrabene Höhle, oft nur eine Mulde im Schnee - eingerichtet hatten, erlaubten sich mit mir den Scherz, mir am Abend vorzumachen, daß es sich jetzt nur mehr um eine Stunde handeln könne. Jede gesunde Hündin möchte nämlich, daß das Herrchen bei dem Ereignis dabei ist. Sie ahnt es zwar voraus, doch den Zeitpunkt kann auch sie nicht bestimmen. Will man sich also entfernen, winselt sie, springt aus dem Lager, holt den Betreuer zurück und gibt zu verstehen, daß sie jetzt nicht allein gelassen werden will. Wie viele Stunden dann noch vergehen, kann man nicht ahnen.
Das mit dem Schneelager wird man mir nicht so leicht glauben. Zum Glück habe ich Fotos davon. dabei hatte jene schakalblütige Mischlingshündin doch durchaus andere Möglichkeiten. Sie scharte aber nur eine Mulde in den Schnee, brachte dort ihre Welpen zur Welt und zog sie darin zu gesunden Hunden auf. Oftmals waren die Kleinen völlig mit Neuschnee zugedeckt, und wir mussten sie zum wiegen erst ausgraben und Eisstückchen abtauen, um keine falschen Gewichte zu bekommen.
Bei allen meinen über hundert Hundegeburten habe ich weder einen Tierarzt gebraucht noch sonstwie helfend eingreifen müssen. Einmal nur haben wir einer Hündin vor der Geburt stundenlang den Bauch massiert, weil wir so besorgt waren - völlig unbegründet, wie sich später herausstellte. Aber der Hündin gefiel das gut, und sie bekam nicht genug davon ...
Werdende Hundemütter haben es eben gern, wenn man dabei ist. Hält man die Hündin mit einem Rüden zusammen, so liebt sie dessen körperliche Berührung durchaus. In der Eröffnungsphase, etwa zwei Stunden vor der Geburt, ist diese Kontaktfreudigkeit besonders auffallend. Das gilt aber nur für die Zeit bis zur Austreibung. Tritt der erste Welpe aus, wird der Rüde in aller Regel weggeknurrt, der Mensch hingegen geduldet.
Was sind nun die Kennzeichen der Eröffnungsphase? Die Hündin hält sich fast ausschließlich im Wurflager auf, mit dem sie sich viel beschäftigt. Vor allem ist sie darauf bedacht, dass es sauber ist. Sie mag einen glatten, leicht zu reinigen Untergrund, kein Stroh, Heu, Bettlaken oder ähnliches. Zwischendurch ruht sie sehr viel. Allmählich treten die ersten Vorwehen auf. Die Hündin sitzt nun häufig, steht auf, dreht sich umher und blickt auffallend oft mit vorgestellten Ohren auf ihren Hinterleib, so, als wollte sie in ihn hineinhorchen. Gewöhnlich scharrt sie in dieser Zeit auch eingehend, selbst wenn gar nichts zum Scharren da ist. Dieses zwanghafte Kratzen ist wohl besonders stark bei Hündinnen, die keine Gelegenheit hatten, sich Tage vor der Geburt eine Höhle oder Grube auszuscharren. Bei diesem "Leerlaufscharren" verengen sich die Lidspalten, der Blick wird starr und abwesend. Ruft man die Hündin an, reagiert sie nicht.

 
 

 

Der Rüde beobachtet das zwanghafte Scharren der Hündin kurz vor der Geburt. Eigens für Filmaufnahmen wurde diese ovale Wurfschale mit einerleichten Mulde entwickelt, die sich sehr gut bewährt hat.

 

 

 

 

 

 

Zwei der Welpen sind bereits auf der Welt, der dritte wird gerade geboren. Die Dingohündin nimmt die typische Geburtshaltung ein - das Bein gehoben, den Blick der gerade heraustretenden Fruchtblase zugewandt.

 

 

 

Auch sonst ist der Augenausdruck der Hündin stark verändert, er wirkt abwesend oder verinnerlicht. Kurz, wenn man diese Dinge wie auch häufiges Hecheln und Absinken der Körpertemperaturen um ein bis zwei Grad beobachtet, ist es bald soweit! Dann wird nach zwei oder drei starken Wehen die Rute halbkreisförmig abgestellt und mit einem kräftigen Pressen die Frucht ausgestoßen. das geht ganz schnell. Ab und zu kommt es allerdings vor, daß es beim ersten Welpen, besonders bei erstgebärenden Hündinnen, einige Augenblicke länger dauert. Da taucht dann die Fruchtblase in der geweiteten Geburtsöffnung auf, bleibt eine halbe Sekunde lang sichtbar und verschwindet danach wieder im Leib. Kein Grund zur Besorgnis, beim nächsten Wehenschub kommt der Welpe dann schon.
So einfach ist das alles. Ich will nicht behaupten, daß die Austreibung für die Hündin ein reines Vergnügen sei. Ganz sicher ist sie mit Schmerzen verbunden. Wer aber bedenkt, wie ein Hund aufschreit, wenn man ihm auf den Schwanz oder die Pfote tritt, wird sich fragen, ob eine Geburt wirklich so schlimm ist, denn die Hündin gibt dabei keinen Laut von sich. Laute Schmerzensschreie wären in der Natur auch wohl kaum angebracht. Sie würden leicht Feinde zu dem in dieser Stunde sehr wehrlosen Tier locken.
Sobald der erste Welpe da ist, wirkt die Hündin auch nicht irgendwie erschöpft, sonder beginnt unmittelbar danach mit den notwendigen Folgehandlungen. Zunächst reißt sie die Fruchtblase auf, sofern diese nicht bereits vom kräftig strampelden Welpen zerrissen worden ist (was oft schon im Mutterleib geschieht), und leckt das austretende Fruchtwasser auf.
Dann wird der Welpe beleckt, die Fruchtblase verschlungen, die Nachgeburt ebenso, und die Nabelschnur mit den Backenzähnen abgequetscht ...

 

 

 

 

 


Meist dürfen Rüden während der Geburt nicht ans Wurflager. In diesem Ausnahmefall ließ sich der Vater aber vom Knurren der Hündin nicht abschrecken und durfte den Nachwuchs sogar vorsichtig säubern.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dann wird wieder sorgfältig der Welpe beleckt. Oft zieht ihn die Hündin zwischen die Vorderpfoten, wobei sie mitunter die Nabelschnur - von der sie einen etwa vier Zentimeter langen Rest stehen läßt - als "Traggriff" verwendet.
Hat sie den Welpen gründlich gesäubert und dieser die nächste Zitze gefunden und sich an ihr festgesaugt, gibt sich die Hündin endlich einem kleinen Nickerchen hin. Ungefähr zwanzig Minuten nach der ersten Austreibung folgt die nächste und so weiter. Wenn etwa zwei Stunden später alles erledigt ist, leistet sich die Hündin einen längeren Schlaf, aus dem sie nur kurz erwacht, um nach den Welpen zu sehen, die kräftig an ihr saugen.
So läuft die Geburt nicht nur bei Wildhunden ab, sondern auch noch bei vielen unserer Rassehunde. Allerdings kann es da schon einmal etwas länger dauern, und es sieht nicht immer alles ganz so vollkommen aus. Aber es ist keinesfalls so, dass die Geburten bei Rassehunden unbedingt schwierig sein müssen. Es könnte auch bei ihnen genauso ablaufen wie bei ihren wilden Ahnen und Verwandten. Einfach dadurch, daß man Hündinnen aus der Zucht ausschließt, die - ohne krank zu sein und ihn eine zufallsbedingte Querlage einer Frucht - bei der ersten Geburt Schwächen erkennen lassen und die Hilfe des Züchters oder Tierarzt benötigen. damit würde verhindert, daß solche erblichen Schwächen weitergegeben werden. Diese einfache, durchaus tiergerechte und damit tierfreundliche Maßnahme würde künftigen Hundegenerationen viel Leid ersparen. Wer aber setzt solche Maßnahmen durch? Der Züchter? Der denkt meist nicht daran. Erstens könnte das den Ruf seines geheiligten Zwingernamens schaden. Zweitens will er sich keinen "unnötigen Esser" halten, der seinen ohnehin spärlichen Reingewinn schmälern würde. Drittens würden auf diese Weise die Anschaffungs- und bisherigen Futterkosten der Hündin nicht wieder eingebracht. Viertens sollte doch die Hündin mindestens noch fünf weitere Würfe bringen, also rund dreißig Welpen zu soundsoviel Mark das Stück. Das alles wegen ein paar Schwierigkeiten? die kann man doch, klüger geworden, beim nächsten Mal, schon vorbeugend behandeln, mit einigen Spritzen zum Beispiel.
Der Verein dem er wegen der "Papiere" (wer kauft heute schon einen Hund ohne Ahnentafel?) abgehören muß, greift auch nicht ein - sonst tritt der Züchter aus und einem anderen Klub bei. Im allgemeinen erfährt der Zuchtwart des Vereins ohnehin nichts über den Zuchtverlauf, oder nur das, was er hören darf.
Von Geburtsschwierigkeiten erfahren also nur die Tierärzte (und nicht einmal alle, da besonders skrupellose Züchter Wehenspritzen und ähnliches in der Hausapotheke haben) - und die dürfen das bekanntlich nicht weitererzählen. Nur jene wirklichen Hundefreunde, die ihrer Hündin auch einmal die Freude an Welpen gönnen, die erzählen davon in aller Ausführlichkeit - und lassen sie niemals wieder decken!
Froh darüber, daß der Tierarzt geholfen hat und alles ein gutes Ende fand, werden sie ihren Liebling weiterhin von Herzen zugetan sein und ihm künftig ein schönes Leben ohne Kindersegen bereiten.
Vielleicht legen sie darüber hinaus auch noch den neuen Besitzern dringend ans Herz, nicht mit diesen Hunden zu züchten, damit die Lawine der Erbschäden sich nicht noch mehr vergrößert. Sonst wird diese in ihrer ständigen Vervielfältigung schon sehr bald unsere Rassehunde überrollen und damit deren Fortbestand ernsthaft gefährden. das aber kann kein echter Tierfreund und Hundehalter wollen.

 

zurück