Gesundheit... Überlegungen zum Thema Rassehundezucht
 

Rassehundezucht - ein Dilemma?

Um die typischen Merkmale einer Rasse zu festigen, versucht man die Genetische Vielfalt der Rasse zu reduzieren. Dies geschieht durch die züchterische Verwendung von wenigen, Rassetypischen Rüden und durch Inzucht.

Bei starker Reduzierung der genetischen Vielfalt bleiben gesundheitliche Schäden und Vitalitätsverlust nicht aus. Andererseits ist und war die Festlegung eines Standards, Vorraussetzung bereits für die Erschaffung unserer vielen, prachtvollen Hunderassen.

 


 

1. Was ist Inzucht?

 

Inzucht liegt vor, wenn die zur Zucht verwendeten Partner näher miteinander verwandt sind, als der Durchschnitt der Rasse. In der Rassehundezucht werden zwei Formen der Inzucht angewandt.

 

1. Inzestzucht

Verpaarungen von Geschwistern und Halbgeschwistern, sowie Verpaarungen von Eltern mit ihren Kindern. Diese Form der Inzucht findet, vermutlich wegen akuten Gesundheitsrisiken und wohl auch wegen ethischen Bedenken der Züchter, selten Anwendung.

 

2. Linienzucht

Verpaarungen zwischen Großeltern und Enkeln oder Cousins untereinander. Die Linienzucht ist die gebräuchliche Form der Inzucht in der Rassehundezucht.

 

Der Züchter versucht nun also mit gezielter Inzucht, Rassemerkmale die im Standart festgelegt sind zu verstärken, und solche die unerwünscht sind auszumerzen. D.h. nur die Gene vom Ursprungstier Wolf bleiben erhalten, die erwünscht sind. Aufgrund dieser Inzucht sieht z.B. ein Mastino Napoletano völlig anders aus, als ein Wolf. Das gefährliche daran ist Folgendes. Ein Wolf hat fast alle Gene, die ein Mastino hat. Aber er hat auch fast alle Gene, die ein Wolfshund oder ein Pekinese hat. Es wurden eben bei jeder Rasse bestimmte Gene durch Zucht eliminiert.

Nun ist jedem logisch, dass dabei zwangsläufig auch Vitalität und Gesundheit verloren gehen. Dies war allerdings in früheren Zeiten sicher nicht so problematisch, wie heute.

 


 

2. Das Problem der Schönheitszucht

 

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurden Hunde gehalten, um ihre Eigenschaften zu nützen. Zum Jagen, zum Bewachen und Schützen, zum Ziehen schwerer Lasten, und so weiter. Es war nicht von Bedeutung, wie ein Mastiff, ein Herdenschutzhund, oder ein Jagdhund aussah. Er musste jeweils die ihm zugedachte Aufgabe erfüllen.

Ein Mastiff wurde nach den Kriterien Mut, Stärke, Beschützerinstinkt und Loyalität gegenüber der eigenen Familie gezüchtet. Ein Herdenschutzhund musste jederzeit bereit sein, gegen Wölfe und Bären zu kämpfen, wenn diese die Herde bedrohten. Er musste aber auch seine ihm anvertrauten Schafe so sehr lieben, dass er sie niemals als Beute sah. Der Jagdhund musste Vorstehen, Apportieren, Jagen. Und er musste gelehrig sein und gerne mit dem Jäger zusammenarbeiten. Er musste bereit sein das apportierte Wild (die Beute) an den Herrn abzugeben.

In der heutigen Gesellschaft stehen gerade mal beim Jagdhund Vitalität und Verwendung im Vordergrund. Bei der überwiegenden Anzahl aller anderen Rassen ist es ausschließlich das im Standard festgelegte Aussehen.

Ein Wolfshund muss nicht mehr schneller und stärker, als ein Wolf sein. Selektiert wird vom Züchter ausschließlich nach Schönheit. Ein Mastinorüde wird nicht zum Zuchthund, wenn er Haus, Hof und Familie optimal beschützt, und dabei souverän und ruhig bleibt. Er wird zum Zuchthund, wenn er im Rahmen des Standards und seiner momentan vorherrschenden Interpretation als schön gilt.

 

Das heißt Reduzierung der Gene wird heute fast ausschließlich nach den Kriterien des Aussehens betrieben. Dass dabei, als "kleiner Nebeneffekt", Hüftgelenksdysplasie (HD) oder andere Rasseprobleme mit gezüchtet (als Merkmal verstärkt) werden, fällt dann immer erst später auf.

 


 

3. Auskreuzung

 

Die einzig langfristig wirksame Maßnahme, bei zu stark reduzierter und krankhafter Genreduzierung ist die Auskreuzung mit nicht verwandten Hunden derselben Rasse, besser mit Hunden einer anderen, nahe stehenden Rasse. Auch der Ausschluss von Hunden mit typischen Rassekrankheiten aus der Zucht, greift meines Erachtens zwangsläufig zu kurz, da parallel die Genreduzierung weiterhin vorangetrieben wird.

 

So sehr sich Züchter dagegen wehren, irgendwann werden die meisten Rassen wieder, sanft mit verwandten Rassen gekreuzt werden müssen. Und zwar wenn nicht bereits im Rahmen der züchterischen Selektion dieser Sackgasse, die in der Form letzten Endes weder für Mensch noch Tier einen Sinn ergibt.

 


 

4. Auswege aus dem Dilemma der Rassehundezucht

 

Bei der Hundezucht geht es um Ehre und Geld. Der einzelne Züchter hat keine Wahl, als sich den vorgegebenen Regeln anzupassen, wenn er mitmischen will.

Also müssen die Regeln geändert werden. Kleinere Verstöße gegen den Rassetyp müssen eher in Kauf genommen werden, als Mangel an Agilität, Gesundheit oder Ängstlichkeit. Dazu muss der Standard mehr  Variationen innerhalb einer Rasse anbieten. Nicht jeder Hund muss dem anderen, "wie aus dem Gesicht geschnitten" ähneln. Ich glaube, dass das das entscheidende Kriterium sein könnte.

Der Züchter wäre nun, wenn er mit seinen Hunden gewinnen will, nicht mehr gezwungen, jede Verpaarung mit nicht verwandten Tieren peinlich zu vermeiden. Im Gegenteil, er könnte sich wieder über eine gewisse Typenvielfalt, auch beim Aussehen freuen.

Wenn Gesundheit und Agilität dann gleichzeitig wieder eine größere Rolle spielen würden, wäre es dem Züchter leichter gemacht, auch nach diesen Kriterien zu selektieren.

Ein ängstlicher oder unter Faltenbergen leidender Mastino hätte dann nichts auf einer Ausstellung verloren. Also wird auch niemand diesen Hund züchten.

 

Es gäbe somit meines Erachtens, durchaus umsetzbare Wege aus dem Dilemma der Rassehundezucht. Wenn man dies wirklich will.

 

Abschließend möchte ich noch eine Lanze für die Rassehundezucht brechen. Ich bin überzeugt davon, dass die wenigsten Krankheiten letztendlich auf das Konto der Genetik, und somit der Züchtung, bzw. der Überzüchtung gehen. Genetische Schwachpunkte, wie z.B. HD bei Molossern, entwickeln sich bei Rohernährung und dem richtigen Maß an Bewegung, vermutlich in den seltensten Fällen krankhaft.

Oder die hohe Krebsrate beim IW. Sie hat meines Erachtens gar nichts mit der Genetik zu tun. Wir wissen seit der Neuen Medizin, dass Krebs durch ein Schockerlebnis entsteht. Unser hoch sensibler Wolfhound ist ein potentieller Kandidat für Schockerlebnisse. Die falsche Ernährung mit Industriellen Fertigfuttermitteln besorgt dann den Rest.

 

Trotzdem sollten wir versuchen, den aus der Inzucht entstehenden, unbestreitbaren Problemen, durch eine offenere Überarbeitung der Rassestandards im Bereich der Typisierung entgegen zu wirken. Damit meine ich ausdrücklich nicht die sehr problematische Übertypisierung, wie beim Mastino.

Ich meine, dass ein Mastino z.B. ein prächtiger Hund sein kann, wenn er mächtig wirkt und einen großen Kopf hat. Ob der Fang etwas länger oder kürzer ist, spielt dabei keine große Rolle. Notfalls müssten dann (aufgrund mangelnder Abgrenzung) wieder zwei Rassen zu einer zusammengefasst werden. Oder müsste eine der beiden betroffenen Rassen durch Auskreuzungen wiederum abgegrenzt werden.

 

Helmut Keul

im Juni 2007

 

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